Die Historie

Fronleichnamsböller

Mit Verordnung vom 28. April 1818 hat König Wilhelm 1. von Württemberg 'alle der religiösen Feier und Andacht des Fronleichnamstages zuwider laufende Aufzüge und Vermummungen verboten'.

Gestattet wurde in den katholischen Orten des Königreichs Württemberg aber wenigstens das Schießen aus Böllern außerhalb der Orte, allerdings nur dort, wo es bisher üblich war, und beschränkt auf vier Salven bei Verlesung der Evangelien. Das Schießen aus Kleingewehren war nicht erlaubt.

Die katholische Bevölkerung Oberschwabens hat von dieser einzigen, dafür umso dankbarer begrüßten Möglichkeit der Verschönerung des Fronleichnamsfestes regen Gebrauch gemacht.

Auch in Niederwangen bereicherte man in den 1820er Jahren das Fronleichnamsfest durch Böllerschießen und hat damit wohl nur eine schon früher bestehende Gepflogenheit wieder aufgenommen. Das Gemeinderatsprotokoll vom 13. Mai 1829 liefert hierfür den ältesten, bislang bekannten Beleg. Dort heißt es, daß die unbrauchbar gewordenen, alten Geschütze 'gegen drei Stück Schießgewehre, oder sogenannte Böller, zur Benutzung auf das Fronleichnamsfest ausgetauscht werden' sollen.

Hammerschmied Xaver Altenötter aus Grod (Gemeinde Hergatz) hat damals die neuen Böller auf Kosten der Gemeinde geliefert. Das erforderliche Pulver zur Abfeuerung von vier Salven bei Verlesung der Evangelien wurde alljährlich ebenfalls aus der Gemeindekasse beschafft, wie erstmals das Gemeinderatsprotokoll vom 15. Juni 1835 belegt.

Schenkt man einem gemeinderätlichen Bericht des Jahres 1880 Glauben, so begleiteten schon damals einige Männer, bei denen es sich um jüngere Bauern, Knechte und Handwerksgesellen handelte, die Fronleichnamsprozession in militärischer Weise.

Die erforderlichen Gewehre hatten sie allein zu diesem Zweck in den Nachbargemeinden ausgeliehen. Die Fronleichnamsprozession erfreute sich so großer Beliebtheit, daß man unter gar keinen Umständen auf sie verzichten wollte.

So führte man die Prozession im Jahr 1840 wegen schlechter Witterung nicht etwa im Kircheninnern durch, sondern verlegte sie vom eigentlichen Fronleichnamstag auf den nächstfolgenden Sonntag. Für das Jahr 1850 ist erstmals überliefert, daß die Gemeinde nicht nur das Böllerpulver spendierte, sondern daß den Mitgliedern der bei diesem Anlaß in Aktion tretenden 'Schützengesellschaft' unter Anführung eines 'Hauptmanns' zur Bestreitung ihres Aufwandes ein Obolus von insgesamt 8 Gulden aus der Gemeindekasse bezahlt wurde.

Möglicherweise in Anlehnung an die 1848 errichtete Bürgerwehr war nun offenbar eine wenn auch bescheidene - militärische Organisation erfolgt. Nie die Bürgerwehr des Jahres 1848 ist jedoch auch der Brauch der militärischen Umrahmung der Fronleichnamsprozession im Laufe der 1850er Jahre wieder stiller geworden.

Wiederbelebung um 1860: Bewußte Katholizität
Die Wiederaufnahme dieser Tradition in den 1860er Jahren ging nach Ausweis der Gemeinderatsprotokolle auf ausdrücklichen Wunsch und Initiative des damaligen Ortspfarrers Karl Eugen Rettinger zurück. Er amtierte seit 1862 und bekleidete seit 1866 auch das Amt des Dekans im Landkapitel Wangen. Diese Wiederbelebung entsprach dem Geist der Zeit. In der Mitte des 19. Jahrhunderts hatte in der katholischen Kirche eine neue Bewegung eingesetzt. Gegen die als Bevormundung und Unterdrückung empfundene Behandlung in einem von Aufklärung und Protestantismus geprägten Staat setzte man nun auf eine straffe Ausrichtung auf Rom und das Papsttum, Unabhängigkeit vom Staat, die Förderung traditioneller Frömmigkeitsformen, Einführung neuer Kultformen, den Aufbau eines eigenen katholischen Presse- und Vereinswesens.

Wenn auch die Wende zum sog. 'Ultramontanismus' in Württemberg keinen ausgesprochenen Kulturkampf verursachte, so fand die Bewegung doch gerade im katholischen Oberschwaben breite Zustimmung. Die repräsentative Aufwertung der Fronleichnamsprozession, die wie kaum ein anderer Anlaß Gelegenheit bot, die Glaubeninshalte selbstbewußt und öffentlich zu demonstrieren, war ein wesentliches Element dieses Programms. Auch bei den Gläubigen in Niederwangen erfreute sich der Brauch rasch wieder großer Beliebtheit. Wie gewohnt, bezahlte die Gemeinde beim örtlichen Krämer das erforderliche Pulver in einer Menge von 20 bis 25 Pfund. Jeder der etwa 40 Schützen erhielt eine Entschädigung von 15, später 30 Kreuzern. Die Mitwirkung beruhte ganz auf Freiwilligkeit und war Privatsache der Teilnehmer, auch existierten keine Statuten.