Die Historie
'Franzosenlärm'

Freilich, als sechs Wochen zuvor, an jenem denkwürdigen Franzosensamstag, dem 25. März 1848, Berichte über einen Einfall tausender raubender und mordender Franzosen auch in Niederwangen eintrafen und ein dringendes Hilfsersuchen aus Tettnang einging, hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, innerhalb weniger Stunden, wie überall im Lande, auch in Niederwangen 45 Mann zusammenzutrommeln und sie - wenn auch unbewaffnet - zur Verteidigung des Vaterlandes nach Tettnang zu schicken.

Daß sie von dort unverrichteter Dinge zurückgekehrt waren, weil sich die ganze Angelegenheit als falsches Gerücht erwiesen hatte, das vor allen Dingen dazu dienen sollte, Haß und Furcht vor den republikanisch gesinnten Franzosen zu schüren, stand auf einem anderen Blatt.

Aber die dauerhafte Aufstellung einer Wehr, die bewaffnet, uniformiert und im Gebrauch der Waffen geübt sein wollte, war doch etwas ganz anderes. Die Kosten für Bewaffnung und Uniformierung sollten Gemeinde und Wehrpflichtige selbst aufbringen. Im Überfluß lebte auch die 700 Seelen-Gemeinde Niederwangen nicht. Fast alle waren Bauern. Die Mißernten der letzten Jahre mit Hungersnot und weitverbreiteter Armut waren noch in schlechter Erinnerung. Jetzt stand die neue Ernte bevor. Da hatten die Bauern anderes zu tun, als halbe Tage lang aus der weitläufigen Gemeinde anzumarschieren und zu exerzieren.

In den Städten, wie in der benachbarten Oberamtsstadt Wangen, war das anders. Angesichts der größeren Bürgerzahl fiel es dort leicht, die erforderliche Mindestzahl von 40 Mann für die Aufstellung einer Kompanie zusammenzubringen.

Dort hatten die Beamten, Selbständigen, Handwerker und Gewerbetreibenden für solche Übungen vielleicht auch mehr Zeit und brauchten im übrigen auch nicht so lange Anmarschzeiten in Kauf zu nehmen. In Wangen hatte man schon im April ein Organisationskomitee gebildet und zwei Kompanien aufgestellt.

Auch ein Schützenhaus stand dort für Übungszwecke zur Verfügung. Aber das Ergebnis der öffentlichen Sammlungen zur Finanzierung der Bürgerwehr ließ immerhin auch in der Stadt zu wünschen übrig. Was sollte Schultheiß Oberle also tun? Gesetz war Gesetz.

Als Schultheiß der Gemeinde war er für Bekanntmachung und Einhaltung von Gesetzen verantwortlich. Da sollte ihm niemand etwas vorwerfen können. Andererseits war nicht die Zeit, um Gesetze gegen den Willen der Bürger durchzusetzen.

Er entschied sich dafür, auf den 11. Mai erst einmal alle Bürger ins Wirtshaus einzuberufen, um die Erklärung für oder wider gegenüber der Bürgerwehr 'unterschriftlich abzugeben'. Das entsprach sicherlich dem Geist der Zeit, war aber eigentlich recht unverfroren, da es über das bereits beschlossene Gesetz nichts mehr abzustimmen gab, sondern es nur noch zu vollziehen war. Wie befürchtet, zeigte sich, daß die Stimmung gegen die Bürgerwehr überwog.

So mußte Oberle dem Oberamt melden, daß er zwar die Liste der Wehrpflichtigen bekannt gemacht habe, es aber in Niederwangen gegen die Errichtung der Bürgerwehr aber erheblichen Widerstand gebe. Vor allem der Umstand, daß nicht nur die Ärmsten und über 50-jährigen von der Pflicht befreit sein sollten, sondern auch jene mit doppeltem Vermögen, errege die Gemüter. Dies stand im Übrigen so nicht im Gesetz, aber vermutlich hatte man dabei die im Gesetz vorgesehene Befreiung der Gemeindediener und Beamten im Auge.

Die Berufstätigen sähen keine Veranlassung, für Arme und Reiche als Wehrmänner zu kämpfen und ihr Hauswesen verkommen zu lassen, weil in einer so weitläufigen Gemeinde das Exerzieren jedesmal einen halben Tag Zeitverlust bedeute. An die Errichtung der Bürgerwehr war jedenfalls noch nicht zu denken. Vorläufig kehrte in der Sache erst einmal Ruhe ein.

Über die Sommermonate hinweg erfolgten keine weiteren Mahnungen des Oberamts mehr. Die Bauern hatten mit der Feldarbeit genug zu tun.
Von allen Seiten war übrigens zu hören, daß Gemeinden nicht nur im Oberamt Wangen, sondern im ganzen Land die Aufstellung der Bürgerwehr mit Klagen über hohe Kosten und Zeitverschwendung verweigerten bzw. hinauszögerten.