Die Historie

Folgen - Praktizierung demokratischer Spielregeln

Die Niederwangener Bürgerwehr der Jahre 1848/49 hatte also eine schwierige Geburt und eine außerordentlich kurze Lebensspanne.

Sicherlich lassen sich Befürworter und Gegner der Bürgerwehr nicht simpel in Fortschrittliche und Konservative einteilen. In den Argumentationen kam politischen Gesichtspunkten allenfalls eine nachgeordnete Bedeutung zu.

Materielle Fragen der Finanzierung und der praktischen Durchführbarkeit standen im Vordergrund. Aber die geschilderten Begleitumstände dürfen doch als Anzeichen für eine grundsätzliche Wandlung des politischen Systems in Richtung auf eine stärkere Bürgerbeteiligung und Demokratisierung gedeutet werden.

Kontroverse Interessen wurden öffentlich diskutiert, Unmut gegenüber Regierenden und Gesetzesvorgaben nachdrücklich artikuliert, Mitwirkungsansprüche gegenüber den ausführenden Organen kollektiv eingefordert.

Mit der anschließenden Unterdrückung der Demokratiebewegung konnte die Durchsetzung solcher Prinzipien zwar nochmals hinausgezögert, letztlich aber nicht mehr auf Dauer verhindert werden.

In den Auseinandersetzungen um die Errichtung der Bürgerwehr haben die Niederwangener Bürger - ganz unabhängig vom Ausgang der Sache - jedenfalls recht selbstbewußt auf dem schwierigen Feld neuzeitlicher demokratischer Entscheidungsprozesse mit all ihren positiven und negativen Seiten agiert.

Es hat sogar den Anschein, daß diese eine nachhaltige Lagerbildung zur Folge hatten. Denn die Praktizierung demokratischer Spielregeln machte das Miteinander auch auf kommunaler Ebene nicht einfacher.

Im Mai 1849 trat jedenfalls Johann Jocham aus Berg, der sich beim Streit um die Bürgerwehr als Vertreter der 'gesetzestreuen' Richtung erwiesen hatte und dem die gehorsame Aufstellung der Wehr in Erfüllung der gesetzlichen Vorschriften ein großes Anliegen gewesen war, die Nachfolge von Fidel Oberle, der sich mit dem Thema 'Bürgerwehr' so schwer getan hatte, als Gemeindeschultheiß an.

Noch 1850 scheint es in der Gemeinde gebrodelt zu haben. Nun erregten die Vorgänge um ein privates Bauvorhaben die Gemüter. Diese nahm ein anonymer Verfasser zum Anlaß für einen im Wangener Wochenblatt veröffentlichten Leserbrief folgenden Inhalts: 'Diese famose Baukonzessionsgeschichte liefert abermals den Beweis, wie notwendig für den gedrückten Bürger noch ein höherer Schutz in seinen bürgerlichen Angelegenheiten bestehen muß, und wie zeitgemäß es wäre, die Bauerntyrannei einer bessern Aufsicht, als bisher geschehen, zu unterstellen, bevor sie in gänzliche Anarchie ausartet, und ganze Gemeinden, wie in Aussicht steht, ihrer Verwahrlosung entgegensehen.'

Deshalb schlägt der Verfasser folgende Bestimmungen hinsichtlich der Gemeindeverfassungen vor: '"daß jeder Kandidat, welcher sich zum Amte eines Ortsvorstehers hinzudrängt, vorerst ärztlich untersucht werde, wie es im obern Stocke desselben aussehe, damit die Gemeinden nicht in die Lage versetzt werden, im 19. Jahrhundert neben dem Rathause noch ein Narrenhaus erbauen zu müssen und 2. daß jeder gewählte Gemeindevorstand, bevor er als definitiv seine Funktion antritt, vor seiner Gemeinde eine öffentliche Prüfung über Schulkenntnisse und sonstige Fähigkeiten abzulegen habe, damit die Wähler nach der Anstellung desselben nicht zur Einsicht gelangen müssen, den größten Esel in der Gemeinde zum Vorsteher gewählt zu haben. Wangen, den 16. März 1850.

Daß Schultheiß und Gemeinderat von Niederwangen gegen den Verfasser dieser Zeilen umgehend eine gerichtliche Klage - unbekannten Ausgangs - angestrengt haben, dürfte sich von selbst verstehen.

Bürgergarde: Verherrlichung des Fronleichnamsfestes.

Allerdings - so haben die jüngst erfolgten Nachforschungen ergeben - wird man mit der Berufung auf die gesetzlich vorgeschriebene Errichtung der Niederwangener Bürgerwehr im Jahr 1848 nur einer - möglicherweise der weniger bedeutsamen - Wurzel der heute bestehenden Bürgerwehrtradition in Niederwangen gerecht.

Die Pflege althergebrachten religiösen Volksbrauchtums muß als gleichermaßen wichtiger Teil ihrer Entstehungsgeschichte gewertet werden. Bürgerwehren waren keine Erfindung des Jahres 1848. Die Anfänge bürgerlichen Wehrwesens reichen in die Geschichte der mittelalterlichen Stadtverfassungen zurück, als den Zünften die Aufgabe der Stadtverteidigung oblag. Organisation und Bedeutung der Zünfte waren wiederum eng mit dem Schützenwesen und den religiösen Bruderschaften verknüpft.

Diese genossenschaftlich organisierten Gruppen waren über die militärischen Aufgaben im Dienste des Gemeinwesens hinaus die wichtigsten Träger der örtlichen Kulturpflege. Sie traten in gleicher Tracht oder Kleidung bei Kirchenfesten und Prozessionen auf, bereicherten Hochzeiten oder den Fronleichnamstag mit dem Abschießen von Böllern.
Dies war gleichermaßen Ausdruck des eigenen Selbstverständnisses und der allgemeinen Freude an Repräsentation. Mit dem Aufkommen stehender Heere gerieten die militärischen Aspekte immer mehr in den Hintergrund.
Das öffentliche Auftreten konzentrierte sich auf die repräsentativen Anlässe, insbesondere dort, wo im Zeichen der Gegenreformation katholische Volksfrömmigkeit in sinnesfreudigen, barocken Formen so intensiv gepflegt wurde, wie in Oberschwaben.

Besonders feierlich beging man das Fronleichnamsfest am Donnerstag nach dem Sonntag nach Pfingsten. Schon im Mittelalter war es üblich, das Allerheiligste aus dem Kirchenraum hinaus zu tragen, es mit Prozession durch Straßen und Fluren zu begleiten, wo im Freien Altäre zur Verlesung der Evangelien aufgestellt waren und der Wettersegen erbeten wurde.

Dabei hatte sich auch das Abschießen von Böllern eingebürgert, die nach Meinung des Volkes Wolken vertreiben und den Himmel klären sollten. An manchen Orten fanden in Verbindung mit der Prozession auch Aufführungen theatralischer Fronleichnamsspiele statt. An der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert gerieten viele Elemente dieses katholischen Volksbrauchtums ins Kreuzfeuer der Kritik einer vom Geiste der Aufklärung und Säkularisierung erfaßten Gesellschaft. Nicht wenige der lieb gewordenen Bräuche wurden zum Leidwesen der Betroffenen als übertrieben und abergläubisch kritisiert, zurückgedrängt, ja teils sogar verboten.

Dies umso mehr, nachdem 1810 das katholische Oberschwaben dem vom nüchternen Protestantismus geprägten Königreich Württemberg einverleibt worden war.