Die Historie

"Fürchterlicher als ein Gewitter tobten sie"

Ende August trafen neuerliche Ermahnungen des Oberamts ein: die Einrichtung der Bürgerwehr könne nicht weiter verschoben werden, innerhalb acht Tagen müsse sie organisiert sein und mit Exerzieren begonnen werden. Erst jetzt setzte der Gemeinderat, wie im Gesetz vorgesehen, zur ersten Organisation der Bürgerwehr eine Kommission ein, die vor allem aus Mitgliedern des Gemeinderates bestand und der - wie betont wurde - Männer mit militärischer Bildung angehörten.

Nach Überprüfung der Liste der Bürgerwehrpflichtigen durch diese Kommission blieben - nach Ausschluß der zumeist aus finanziellen Gründen zu Befreienden - von den 60 erfaßten Männern im Alter zwischen 20 und 50 Jahren noch etwa 50 Pflichtige übrig. Am darauffolgenden Sonntag, dem 10. September, waren alle Bürgerwehrmänner zur Wahl eines Hauptmanns und eines Leutnants aufgerufen.

Aber jetzt schlugen die Wellen in der Gemeinde erst richtig hoch. Dreier Anläufe bedurfte es, bis die Wahl erfolgen konnte und dem Gesetz Genüge getan war. Der erste Wahlversuch scheiterte, weil - dem Bericht des Schultheißen zufolge - die Gegner mit ihrem widersetzlichen Auftreten die Mehrheit auf ihre Seite bringen konnten.

Anläßlich der 'Nachsitzung' im Gasthaus wurden aus den Reihen der Pflichtigen weitere Vorwürfe gegenüber Gemeinderat und Kommission laut: Man sehe nicht, wozu die Bürgerwehr überhaupt gut sein solle. Jene, die die Bürgerwehr wünschten und dem Gesetz Folge leisten wollten, seien Schmarotzer. Am 16. September wurde ein zweiter Wahlversuch unternommen.

Aber 'fürchterlicher als ein Gewitter tobten sie', mußte Schultheiß Oberle resigniert vermerken. Alle Bürgerwehrpflichtigen hätten nun erklärt, daß sie sich durchaus nicht zum Wählen und zum Exerzieren verstehen könnten, weil damit zuviele Unkosten und Zeitversäumnis verbunden seien. Überhaupt sei die ganze Sache für den Landmann wertlos.

Vorwürfe mußte Schultheiß Oberle auch dafür einstecken, daß er zu den Vorgängen den Lehrer als Urkundsperson hinzugezogen hatte. Dieser wurde aber von einem Teil der Betroffenen als 'Unterländer von der schlechtesten Sorte' abgelehnt.

Offenbar spielte in den Auseinandersetzungen auch das für Oberschwaben charakteristische Mißtrauen gegenüber dem Stuttgarter Zentralismus eine Rolle. Die gesamte Mannschaft habe umgehend ins Wangener Oberamt ziehen und eine Abänderung des Gesetzes verlangen wollen. Doch hätte dies von den Gemeinderäten verhindert werden können. Stattdessen habe man noch am selben Tag einen aus fünf Männern bestehenden Ausschuß ins Oberamt nach Wangen entsandt, der aber von dort mit einem ablehnenden Bescheid und damit unverrichteter Dinge zurückgekehrt sei.

Die Vorgänge in Niederwangen hatten auch über die Gemeindegrenzen hinaus Aufsehen erregt. Beim sonntäglichen Wirtshausbesuch in Wangen am Tag nach dem Niederwangener Oberamtsbesuch mußte sich Schultheiß Oberle von den anwesenden Wangener Gästen ironische Kommentare anhören. In der Stadt erfreute sich die Bürgerwehr ja längst eines regen Zuspruchs.
Und einige Bürgerwehranhänger aus Niederwangen exerzierten mittlerweile ersatzweise in Wangen mit. Allerdings hielt auch ein anwesender Bürgerwehrgegner aus Niederwangen mit seiner ablehnenden Haltung nicht hinter dem Berg. In der Stadt benütze man das Exerzieren bloß zum Zeitvertreib und als Ausrede zum Biertrinken.

Die Bürgerwehr brauche man doch nur, um die Herren zu beschützen. Jene, die sich freiwillig zur Bürgerwehr meldeten, seien nichts wert, und er habe keinen Respekt vor ihnen. Schultheiß Oberle machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Männer nur dem Gesetz Folge leisteten. Im übrigen sei es auffällig, daß man in Niederwangen die Bürgerwehrgegner nicht mehr in der Betstunde sehe.

Die Entgegnung des Angesprochenen ließ an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Auch er selbst gehe nicht mehr zur Betstunde. Wenn sich die Herren und Beamten fürchteten, sollte man für sie beten, und für diese Lumpen bete er nicht. Die Niederwangener standen mit ihrer Ablehnung allerdings nicht allein. Vor allem in vielen ärmeren Gemeinden mit zerstreuter Siedlungsstruktur, wie in Niederwangen, stießen die Behörden im ganzen Land auf eine vergleichbare harte Haltung der Betroffenen.

Der Wangener Oberamtmann Schubart hatte im Wangener Wochenblatt vom 16. September einen geharnischten Artikel gegen die Gemeinden, die im Oberamt Wangen die Aufstellung der Bürgerwehr noch immer verweigerten, veröffentlicht. Darin wurde dieses Verhalten unmißverständlich als gesetzwidrig gebrandmarkt und Strafverfolgung angedroht.